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race across germany 2017

Schon in 2013 und 2015 hatte ich versucht, Duisburg mit dem Rad in 24 Stunden zu erreichen. Beide Male habe ich es zwar nicht geschafft, aber mit den 380 km bis Neuss (2013) und Düsseldorf (2015) war ich (zumindest rückblickend :-)) jeweils mehr als zufrieden:

race across germany 2013

race across germany 2015

In beiden Touren wollte ich testen, wo ich trainingsmäßig stehe und hart an die Leistungsgrenze gehen. Und natürlich spüren, wie es sich anfühlt, wenn einfach nix mehr geht.

Bei der  Planung der Strecke für 2017 war die große Frage, ob ich wie in den ersten beiden Turns ab Speyer wieder die B9 am Rhein entlang fahre ... und in den langen Passagen mit den ausgebauten Autostraßen mit Fahrradverbot wieder krampfhaft versuche, Alternativstraßen zu finden ...

oder

 ... die  Diagonale über die Dörfer entlang der A61 durch das Weinbaugebiet nehme. Diese Strecke ist zwar etwa 30 km kürzer, aber jeder Höhenmeter kostet Körner, die hinten raus fehlen können. Google zeigte für dieses etwa 100 km lange Teilstück nur etwa 500 Höhenmeter an ... also habe ich mich entschlossen, diese neue Strecke auszuprobieren.

Am 08. Juni ging es dann um 19:45 Uhr endlich los. Um die autobahnmäßig ausgebaute B10 zwischen Zuffenhausen und Schwieberdingen zu vermeiden, bin ich erstmals quer über die Dörfer durch Möglingen, Markgröningen, Oberriexingen, Sersheim ... und übers Kraichtal nach Speyer geradelt.

Es ist bewährte Tradition, dass ich kurz vor der Rheinüberquerung in Speyer noch einen kleinen Umweg in Kauf nehme, um durch Rheinhausen zu fahren. Muss einfach sein.

Den Rhein habe ich etwa gegen Mitternacht erreicht ... bis dahin lief alles problemlos. Danach kam dann das unbekannte Terrain entlang der A61. Die ständige Navigiererei hielt mich wach, aber die unzähligen Weinberge zwischen Worms und Bingen hatten definitiv deutlich mehr als die von Google berechneten 500 Höhenmeter. Wie auch immer, um kurz vor sechs hatte ich bereits Bingen erreicht. Alles lief bestens ... ich lag gut in der Zeit und ich hatte keinerlei Schwierigkeiten mit der Power oder mit dem Rad. Bingen liegt etwa auf der Hälfte der Strecke und war nach Speyer mein zweiter Ankerpunkt. Dort habe ich erst einmal ausgiebig gefrühstückt. Kaffee, Brötchen, Kuchen, Schokolade ... und als Nachtisch eine Cola. Und ... nein ... ausnahmsweise keine Light.

Danach ging es weiter entlang am Rhein. Die Strecke kenne ich ja aus vielen Radtouren wie meine Westentasche. Es lief unglaublich easy ... vorbei an der Loreley und an Boppard ... und ratzfatz war ich in Koblenz. Dort habe ich mir dann mein zweites Frühstück gegönnt. Es hat richtig Spaß gemacht, einfach alles zu bestellen, was lecker schmeckt ... und es ist scheiß egal, wie viele Kalorien der Shit hat.

Nach Koblenz war Bonn mein vierter Ankerpunkt. Trotz Gegenwind hatte ich immer noch keinerlei Probleme ... alles lief perfekt. Kurz vor Bonn habe ich dann einen riesen Teller Spaghetti zu Mittag gegessen. Oh man, hatte ich einen Kohldampf. Während ich gegessen habe zogen Regenwolken auf ... und ehe ich wieder auf dem Rad saß, goss es in Strömen. Also Regen-Klamotten an .. und weiter gings.

Anfangs empfand ich den Regen und die Abkühlung fast positiv ... im weiteren Verlauf nervte er aber zunehmend. Teilweise musste ich mich unterstellen, weil es aus allen Rohren blitzte, donnerte und hagelte. Bei einem dieser Stopps habe ich einen siebzig jährigen Holländer getroffen, der mit dem Rad auf dem Weg von Prag nach Den Haag war. Ich hoffe, dass ich in 15 Jahren noch genauso fit sein werde wie dieser Typ.

Irgendwann war dann mein Trikot trotz Gummi-Klammotten auch nass ... aber schneller und leichter als erwartet habe ich dann Köln erreicht. Unmittelbar hinter dem Dom ist mir der rechte Zug der Schaltung gerissen. Zunächst hatte ich überlegt, einen Radladen zu suchen und die Schaltung reparieren zu lassen ... dann wollte ich aber keine Zeit verlieren und bin mit zwei Gängen weiter gefahren.

Hinter Köln wurde es dann zäh. Das Kurbeln fiel nicht mehr so leicht ... der Körper wurde zunehmend müder ... der Arsch tat trotz 2 cm Vaseline mehr und mehr weh ... und die paar km nach Leverkusen und Dormagen waren gefühlt 5 mal so lang. Und die Strecke von Dormagen nach Neuss zog sich gefühlt noch länger hin.

Hinter Dormagen hatte es dann endlich aufgehört zu regnen. Neuss wollte aber einfach nicht näher kommen ... aber dann habe ich Neuss (ohne Regenkombi) endlich doch erreicht. Es war ein richtig geiles Gefühl, an der Stelle vorbei zu fahren, an der ich 2013 aufhören musste, weil ich keine Kraft mehr hatte. In Neuss habe ich mir noch einmal eine Ladung Schokolade, ein Eis und Pommes mit Mayo gegönnt. Frisch gestärkt habe ich dann den heroischen Entschluss gefasst, dieses Mal bis Duisburg weiter zu fahren. Ich war zwar müde und abgekämpft ... aber ich spürte, dass ich noch die Kraft für die letzten 38 km hatte.

Es war dann unbeschreiblich, wieviel Power ich auf dem letzten Teilstück zwischen Neuss und Krefeld durch Emotionen noch aktivieren konnte. Es war eine reine Triumphfahrt, irgendwie vergleichbar mit dem letzten Teilstück beim Ötzi vom Timmelsjoch runter nach Sölden. Nur dass ich noch treten musste ... aber es irgendwie wie von allein ging.

Es war ein überragendes Gefühl, Duisburg immer näher und näher zu kommen. Hinter Bayer in Krefeld-Uerdingen habe ich dann jeden einzelnen verschissenen Meter ausgekostet.

Um 20:15 habe ich dann Rumeln erreicht. Was soll ich sagen? Trotz Gegenwind ab Bingen, Regen ab Bonn, nur noch zwei Gänge ab Köln ... lief es fantastisch. Es gab insbesondere zwischen Köln  und Neuss verschiedene Phasen, in denen es richtig "dreckig" war ... aber letztendlich bin ich ohne größere Probleme durch gekommen.

Ich war mega glücklich, diesen Turn bei meinem dritten Versuch endlich geschafft zu haben. Insgesamt bin ich 438 mit 3.500 Höhenmetern am Stück geradelt ... und habe dafür incl. Pausen etwa vierundzwanzigeinhalb Stunden benötigt:

 

 

 

 

 

 

 

Als bekennender Sprüchesammler haben mich auf dieser Tour zwei Weisheiten permanent begleitet.

Der erste ist von Michael Bartl, einem Extrem-Marathonläufer:

"Du darfst keine schmutzigen Gedanken zulassen und Du darfst nicht in ein tiefes Loch fallen! Denn bist Du mal drin, kommst nicht mehr raus." 

Diese Weisheit stimmt total. In den Phasen, wo es einem dreckig geht ... ist es nicht wirklich zielführend, ans Aufhören zu denken.

Der zweite Spruch ist von Dieter Baumann:

"Durch den Dauerlauf -den immer gleichen Rhythmus und die gleichmäßige Atmung- sortiere ich die Erlebnisse, werte sie, packe sie am Ende ein und weg. Es entsteht Platz im Kopf, ein freier Raum, ein Nichts. Irgendwann, wenn alles verstaut ist, denke ich nichts mehr. Ich laufe ..." 

Ok, ich laufe nicht, sondern ich trete ... aber sich 24 Stunden lang mit sich selbst auseinander zu setzen ... dass tut richtig gut.

Die Herausforderung 2018 steht mittlerweile auch fest. Dieses mal nicht von Stuttgart nach Duisburg ... sondern mit Sascha von Las Vegas durch das Death Valley nach San Francisco. Yiiieeehhaaaa