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AlpenBrevet 2015

Eigentlich wollte ich ja in 2015 das dritte Mal nach 2012 und 2014 wieder beim "Ötzi" starten. Nach zwei verschissenen Regenrennen wollte ich endlich mal die Abfahrt vom Timmelsjoch zurück nach Sölden in der Abendsonne genießen. Aber leider bin ich nicht gelost worden. Skandal.

Zum Glück gibt es ja www.quäldich.de. Ich wusste gar nicht, dass es so viele Alpen-Radmarathons gibt. Und einer ist mir sofort ins Auge gestochen: Der AlpenBrevet mit Start und Ziel in Meiringen in der Schweiz. Die Fahrer können aus drei Routen wählen:

  • Silber-Tour-> 132 km, 3 Pässe, 3.875 Höhenmeter (grün)
  • Gold-Tour -> 172 km, 4 Pässe, 5.294 Höhenmeter (gelb)
  • Platin-Tour -> 276 km, 5 Pässe, 7.031 Höhenmeter (rot)

Halleluja, die "Platin-Tour" über fünf 2000er Pässe ist schon der Hammer:

Genial ist, dass man sich während des Rennens entscheiden kann, welche Herausforderung man sich antun will. Einfach links abbiegen ... und die Strecke wird kürzer ... und die Höhenmeter weniger ... und die Schmerzen auch :-)

Bei der Anmeldung hatte ich natürlich die "Platin-Tour" im Kopf. Aber leider konnte ich mein Trainingsprogramm durch meinen Umzug und den USA-Urlaub nicht so umsetzen wie geplant. Für einen Ultra-Alpen-Marathon fehlten mir vor allem die "long-turns" und die Trainingseinheiten mit mehr als 3.000 Höhenmetern. Und Murphy wollte es, dass ich ausgerechnet die beiden letzten Trainingseinheiten vor dem Wettkampf im Schwarzwald an der Kaltenbronner Steige wegen Dauerregen und Hagel abbrechen musste. Murphy ist ein Arsch.

Am Ende siegte bei mir die Vernunft. Und so bin ich am 29.08. mit dem Ziel "Gold-Tour" gestartet. Aber die ist mit Grimsel- (2.165 Meter), Nufenen- (2.478 Meter), Gotthard- (2.106 Meter) und Sustenpass (2.264 Meter) und einer Länge von 172 km auch nicht schlampig:

Im Vergleich zum Ötzi sind die Höhenmeter annähernd gleich, dafür ist die Strecke 60 km kürzer. Somit gibt es weniger Möglichkeiten der "aktiven Erholung" auf ebener Strecke.

Das Beste war: zum ersten Mal hatte ich bei einem Ultra-Wettkampf Glück mit dem Wetter. Ich konnte es kaum glauben, schon ab Mitte der Woche vor dem Start war klar, dass es ein geiler Sonnentag mit blauem Himmel und über 30 Grad werden wird. Die vier Pässe des Alpen-Brevets kannte ich bis dahin nur von verschiedenen Cabrio-Touren. Und so habe ich mich richtig auf das Rennen gefreut, denn mit dem Rad nimmt man die Umgebung und die Eindrücke viel intensiver wahr und kann das Alpen-Panorama genießen.

Die wasserdichten Handschuhe und die Regenjacke konnte ich dieses Mal im Hotel lassen, stattdessen bin ich mit einem 5 Liter Wasser-Rucksack an den Start gegangen, um meine Boxenstopps  flexiber gestalten zu können. Der Wasserverbrauch liegt auf Bergtouren bei etwa 2 Litern pro Stunde. Der Plan war, wie beim Ötzi erst am zweiten Pass nach etwa fünf Stunden Wasser und Nahrung aufzunehmen.

Morgens um 06:45 Uhr war es noch schweinekalt und schattig, so dass ich nur wenig Wasser verbraucht habe. Unmittelbar nach dem Start folgte der 26 km lange Aufstieg auf den Grimsel-Pass über die Nordrampe von Innertkirchen durch das Haslital (2.165 Meter/1.540 Höhenmeter). Alles verlief planmäßig ohne Probleme, gewöhnungsbedürftig war aber der Autoverkehr. Im Gegensatz zum Ötzi sind die Straßen beim Alpen-Brevet nicht gesperrt. Bei den Aufstiegen nerven die Abgase und die Überholmanöver der Autos und Wohnmobile ... und bei der Abfahrt ist es durch den Autoverkehr verdammt gefährlich, mit vollem Speed runter zu hämmern.

Nur ein paar km hinter dem Grimsel-Pass begann der Aufstieg zum Nufenen-Pass. Mit  2.478 Metern ist er der höchste innerschweizerische Alpenübergang. Die Westrampe von Ulrichen ist mit 14 km (1.132 Höhenmeter) zwar nur etwa halb so lang wie die vom Grimsel-Pass, durch die hohe Durchschnittssteigung und die Windanfälligkeit ist er dennoch eine Herausforderung. Bis auf einen Zwangsstopp, um den Berggang meiner Gangschaltung neu zu justieren, lief auch beim zweiten Aufstieg alles wie am Schnürchen.

Es war ein schönes Gefühl, bereits die Hälfte hinter sich zu haben, denn zwischenzeitlich war es richtig heiß geworden und der Planet brannte. Kurz vor der Südrampe auf den Gotthard-Pass habe ich in Airolo noch einmal alle Wasserflaschen und den Wasserrucksack aufgefüllt und reichlich Cola (nein, keine zero) und Kohlenhydrate zu mir genommen. Und danach kam dann die legendäre 14 km lange Kopfsteinpflaster-Auffahrt durch das Val Tremola rauf auf den Gotthard-Pass (2.106 Meter/993 Höhenmeter).

Alter Schwede, auf diesem Untergrund war der Kraftaufwand spürbar höher, als auf glattem Asphalt. Gleichzeitig knallte die Sonne ohne Ende und es war nur wenig Schatten verfügbar. Das ging ganz schön an die Substanz. Die letzten km mit den nicht enden wollenden Serpentinen waren ziemlich heftig. Und die Frage "Wann kommt denn endlich die verschissene Passhöhe?" habe ich mir nicht nur einmal gestellt. Trotzdem habe ich oben auf dem Pass keinen Boxenstopp eingelegt.

Die Abfahrt vom Gotthardt war einfach nur genial. Eine breite Straße, glatter Asphalt, erstaunlicherweise keine Autos ... da konnte ich es richtig laufen lassen.

In dem Abschnitt nach der Gotthard-Abfahrt zwischen Andermatt und Wassen war eine Monster-Baustelle. Der Verkehr wurde einspurig über Ampeln durch das Tal geschleust. Die Straßen waren so eng, dass selbst die Radler an den Ampeln stehen bleiben mussten. Das hat unendlich viel Zeit gekostet.

Danach kam der letzte Aufstieg über die Ostrampe auf den Sustenpass. Die Straße zieht sich etwa 18 km langgezogen durch das Tal. Es war total schön, das Bergpanorama mit dem blauen Himmel und der super Fernsicht zu genießen. Weniger angenehm war, dass man jederzeit vor Augen hat, wie weit und vor allem wie hoch man noch fahren muss.

Guckst Du:

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Die Sonne knallte wie die Sau in das Tal und es hat verdammt viel Energie & Hartnäckigkeit gekostet, sich konsequent und mit einem gleichmäßigen Tritt Meter um Meter nach oben zu quälen. Die Anzahl der Fahrer, die sich zwischenzeitlich eine Gehpause oder eine Pause im Schatten unter einem Baum gönnten nahm deutlich zu. Und gegen Ende auf den letzten 3 Kilometern begannen dann die Serpentinen. Da wurde es dann richtig heftig ... aber der Gedanke, dass der letzte Pass bald geschafft ist, setzt unglaubliche Kräfte und Energie frei.

Und es war ein geiles Gefühl, als ich dann endlich die Passhöhe erreicht hatte. Danach kam der schönste Teil des Rennens. Eine 30-minütige Abfahrt zurück nach Meiningen in der Abendsonne. Dieses Erlebnis war mir bei den beiden Ötzis leider noch nie vergönnt. Umso mehr habe ich jede Sekunde dieser Triumphfahrt genossen.

Der Kopf weiß, das Rennen ist gerockt ... und so kann man die Abfahrt einfach nur genießen. Das war ein unbeschreiblich schönes Gefühl ...

Nach 10 Stunden und 16 Minuten war ich zurück in Meiningen. Müde & abgekämpft ... aber überglücklich. Es ist erstaunlich, wie schnell der Körper nach so einer Belastung wieder regeneriert. Nach zwei Tellern Nudeln und einer Cola war ich eine halbe Stunde nach der Zieleinfahrt wieder topfit ... und die Quälerei und die Schmerzen waren schon wieder vergessen.

Mein Fazit: Es war wieder einmal ein unvergessliches Erlebnis, meine Grenzen auszuloten. Ich musste erfahren, dass Hitze auf Langstrecken letztendlich genauso zermürbt wie Kälte & Regen. Denn die Aufstiege auf den letzten beiden Pässe in der Sonne und bei über 30 Grad waren echt heftig.

Aber: letztendlich bin ich ohne Probleme durchgekommen. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich auch nur Anzeichen eines emotionalen oder physischen Tief oder einen Gedanken anzuhalten. Einen Moment lang war ich ein bisschen enttäuscht über meine Durchschnittsgeschwindigkeit von "nur" 17 km/h, da ich beim Ötzi schon über 20 km/h geschafft habe. Aber beim näheren Nachdenken wurde mir klar, dass der Auto-Verkehr auf den Abfahrten und verschiedene Ampeln an den einspurigen Baustellen Zeit gekostet haben.

Beim Motto für dieses Rennen musste ich nicht lange nachdenken. Durch die grandiose Fernsicht hat sich definitiv dieser Lieblingsspruch  bewahrheitet:

"Adventures begin where the mountains meet the sky."