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Ötztaler Radmarathon 2014

Der Ötztaler Rad-Marathon gehört mit einer Distanz von 235 km und 5.500 Höhenmetern über 4 Pässe (Kühtai, Brenner, Jaufen-Pass und Timmelsjoch) zu einer der schwersten Eintages-Radrennen:

Oder guckst Du den   Ötzi Streckenverlauf

2012 habe ich den Ötzi bei meinem ersten Start in 12:19 Stunden beendet. Ich war zwar völlig am Arsch, bin aber letztendlich ohne größere Probleme oder einen Gedanken ans Aufgeben durchgekommen. Je öfter ich mir dann in den Monaten danach das Höhenprofil vom Ötzi angeschaut habe, desto weniger konnte ich glauben, dass ich die insgesamt 100 km langen Bergauf-Strecken tatsächlich mit meinen bescheidenen Trainingszeiten gepackt habe. Aber irgendwann war dann klar ... natürlich melde ich mich im nächsten Jahr wieder an und probiere es wieder :-)

2013 wurde ich leider nicht gelost ... aber 2014 hatte ich Glück (ich wurde oft gefragt, wieso "Glück"?) und wurde tatsächlich gezogen:

eMail vom 07.03.2014: Ötztaler Radmarathon 2014 ... und Du bist dabei ! Hallo Uwe! Dein Traum kann am Sonntag, den 31 August 2014 in Erfüllung gehen ... bei der 1. Ziehung wurde Dir einer der 4000 Startplätze zugelost. 

Ab März habe ich dann begonnen, mein Training zu intensivieren. Die Weinberge in Uhlbach und Buoch sind mir dabei ganz besonders ans Herz gewachsen. Als Highlights kamen dann im Juli zwei 220 km Belastungs-Touren in den Schwarzwald (eine bei 30 Grad und eine bei 14 Grad im Dauerregen) ... und zum Abschluss kam im August noch eine Quäl-Dich-Session an der Ochsenwanger Steige dazu.

Ende August 2014 hatte ich dann etwa 30 Stunden mehr Trainingseinheiten absolviert als 2012. Dennoch hatte ich "gefühlt" deutlich weniger Power. Wie 2012 war auch 2014 in der Woche vor dem Ötzi die Wettervorhersage meine größte Sorge. Zunächst war eine kühle, aber trockene Wetterlage angekündigt. Mit jedem Tag bis zum Ötzi wurden dann die Prognosen zunehmend schlechter. Am Samstag war dann klar: Es wird lange und heftige Regenfälle geben! Echt ne super Sache.

Auf der Fahrerbesprechung am Abend vor dem Ötzi wartete jeder Fahrer eigentlich nur auf den Vortrag der Meteorologin. Die begann ihre Rede mit folgenden Worten: "Zuerst die gute Nachricht ... es wird nicht schneien". Danach schilderte sie in allen Einzelheiten das Desaster mit der Regenfront vom Nordpol. Per SMS ging dann am Abend noch folgende Nachricht ein:

Wetterprognose Sonntag: ab Mittags ist mit starkem Regen und Kälte zu rechnen Das Organisationskomitee bittet um entsprechende Bekleidung. Alles Gute!

Zum Glück hatte ich mir am Samstag auf der Messe vorsorglich noch wasserdichte Handschuhe und neue Schuh-Gamaschen geleistet. Beim Start am Sonntag um 07:00 Uhr war es zwar noch trocken, aber schon auf den letzten Kilometern vom Kühtai-Pass fing es an zu regnen. Auf der Passhöhe musste ich bereits Regensachen anziehen. Bei der Talabfahrt goss es dann in Strömen. Keine Sicht, nasse Straßen, die eingeschränkte Bremswirkung bei Nässe ... Speed war unter diesen Rahmenbedingungen einfach nicht möglich.

Der Weg nach Innsbruck und der 40 km lange Aufstieg auf den Brenner funktioniert optimal nur in einer Gruppe mit Windschattenfahren. 2012 hatte ich das Glück, unmittelbar nach der Abfahrt eine Gruppe zu erwischen. Keine Ahnung warum, 2014 war keine Sau weit und breit in Sicht ... und ich musste fast alleine im Regen nach Innsbruck fahren.

Auch beim Aufstieg auf den Brenner hat sich leider keine homogene Gruppe mit gleichem Rhythmus gefunden. Das hat letztendlich viel Zeit und Nerven gekostet ... und so hatte ich mein erstes emotionales Tief bereits nach der Hälfte vom Brenneraufstieg in Matrei. Der Weg vom Kühtai zum Brenneraufstieg war viel zu langsam, der Aufstieg auf den Brenner deutlich schwerer ... und das zweimalige Umziehen und der Regen nervte gewaltig. Auf dem Brennerpass hatte ich dann nach 127 km einen Rückstand von 10 Minuten gegenüber 2012, obwohl ich auf dem Kühtai noch 5 Minuten vorne lag. Scheiße gelaufen.

Mittlerweile hatte es sich voll eingeregnet. Dadurch war auch bei der zweiten Talabfahrt vom Brenner auf nasser Straße kein Speed möglich war. Vor dem Jaufen-Pass hatte ich im Vorfeld den größten Bammel, weil ich hier in 2012 meine größten Schwierigkeiten hatte. Ich konnte es kaum glauben, aber dieses Mal lief es richtig gut und was noch viel wichtiger war ... ich konnte mein emotionales "Brenner Tief" überwinden.

Aber: scheiße gelaufen, dass ich bei der Brenner-Abfahrt meine nagelneuen wasserdichten Handschuhe verloren habe. So musste ich auf dem Jaufen-Pass meine Ersatz-Handschuhe aus dem hinterlegten Rucksack holen. Das hat leider sehr viel Zeit gekostet, da die Helferin den Beutel mit meiner Startnummer zunächst nicht gefunden hat. Und während ich auf meine Ersatz-Handschuhe wartete ... überholte mich der Schlusswagen mit lauter Sirene. 2012 wäre ich an dieser Stelle bereits aus dem Rennen gewesen. Zwischenzeitlich hat aber jeder Fahrer die Möglichkeit, sich wieder zurück ins Rennen zu fahren. Trotzdem ein scheiß Gefühl.

In Sankt Leonhardt hatte ich mir vor dem Aufstieg auf das Timmlesjoch vorsorglich eine Tüte mit Bananen, Cola, Schokolade, Salami und sonstigen Leckereien hinterlegt. Das gab noch einmal neue Power. Blöd war, dass es zwischenzeitlich wie aus Eimern goss.

Der Regen zermürbte mit jedem Kilometer mehr und mehr ... und mit jedem Höhenmeter wurde es kälter und windiger. Mir fehlen echt die Worte, um meinen Zustand auf den letzten Kilometern vom Timmelsjoch zu beschreiben. Ich war komplett nass und durchgefroren, der Regen wollte nicht aufhören und dazu der eiskalte Wind. Keine Ahnung wie ich es geschafft habe, aber nach 03:24 war ich dann endlich oben auf 2.509 Metern.

Normalerweise sind die 25 km bergab zurück ins Ziel nach Sölden für jeden Fahrer eine Triumphfahrt. Der letzte und schwerste Pass ist geschafft ... und hier steht das Schild mit den Worten "Da hast Du Deinen Traum"! Nicht so bei Regen, Wind, Kälte und Nebel:

Ich konnte nicht schnell fahren, da mir der kalte Regen förmlich in die Augen "hagelte". Und ich hatte so kalte Hände, dass ich kaum bremsen konnte. Etwa 0 Grad ... Dauerregen ... ich wollte einfach nur noch runter. Im Ziel hatte ich tatsächlich Schüttelfrost ... so kalt war mir.

Emotional war ich überglücklich, den Ötzi unter diesen Bedingungen tatsächlich durchgestanden zu haben, aber genießen konnte ich diesen Triumpf erst nach einer heißen Dusche.

Dieses Rennen war der härteste Wettkampf meines Lebens ... aber ein unbeschreibliches Erlebnis, dass ich nie vergessen werde. Auf den Fotos im Fotoalbum kannst Du Dir ein paar Impressionen anschauen.

 Fotoalbum

Letztendlich hat sich wieder einmal einer meiner Lieblingssprüche bewahrheitet:

"But it ain't how hard you hit. It's about how hard you can get hit and keep moving forward." (Rocky Balboa)

Die nachfolgende Reportage geht der Frage nach, warum sich jedes Jahr 5.000 Verrückte diese Qual antun. Guckst Du:

  Ötzi Reportage Teil 1

  Ötzi Reportage Teil 2