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Ötztaler Radmarathon 2012

Der Ötztaler Rad-Marathon geht über eine Distanz von insgesamt 235 Kilometern. Dabei müssen insgesamt vier Pässe mit 5.500 Höhenmetern und etwa 100 km Bergauf-Strecke überwunden werden. Tja, wie kommt man eigentlich dazu, sich als "durchschnittlicher" Sportler bei einem der härtesten Rad-Marathons in den Alpen anzumelden?

Eigentlich ganz einfach: Ich war auf dem Rückweg von einer Motorradtour vom Gardasee und fuhr über das Timmelsjoch ... zufällig am Tag des Ötztal Rad-Marathons 2011. Unzählige Fahrradfahrer quälten sich den 29km langen Anstieg hoch. Während mein Kumpel dachte "oh man, die sind ja total bescheuert" ... waren meine Gedanken: "ja wie geil ist das denn?"

Zufällig habe ich dann mit drei Finishern im Hotel zu Abend gegessen ... und ich war mächtig beeindruckt von dieser Leistung. Danach war klar: 2012 will ich auch dabei sein.

Es ist nicht so einfach, beim Ötzi eine Startnummer zu bekommen. Es gibt nur etwa 4.500 Startplätze ... und 19.000 Anmeldungen. Anfang März habe ich zunächst eine eMail mit einer Absage bekommen. Danach hatte ich das Projekt dann eigentlich schon abgeschrieben ... aber Murphy wollte es so, dass ich bei der Nachverlosung noch gezogen wurde. YES!

Trotzdem irgendwie scheiße gelaufen, weil ich so erst 2 Monate später mit dem "Special-Ötzi-Training" begonnen habe. Meine körperliche Verfassung war zwar durch mein normales Training am Kappelberg nicht schlampig, dennoch musste ich die Intensität von meinem Trainingsplan von nun an deutlich erhöhen! Viele Ötzi-Teilnehmer gehen mit 10.000 Trainingskilometern und mehr an den Start ... das war für mich in den wenigen verbleibenden Wochen mit meinen Nacht-  und Wochenendtrainings nicht zu schaffen. Aber ich wusste von meinem Triathlon in 2011, dass fehlende long-turns durchaus mit Kappelberg-Höhentraining kompensiert werden können.

Zwischen Mai und August habe ich dann 56 Trainingseinheiten mit insgesamt 3.500 km absolviert, darunter waren 7 Schweinetrainings mit long-turns und verschärften Höhenmetern. Und Buoch mit der 3,6 km langen Steige ist mir in dieser Zeit so richtig ans Herz gewachsen :-)

Logistisch war in dieser Zeit jede Menge zu koordinieren. Nehme ich einen Trinkrucksack oder doch Wasserflaschen? Setze ich wie viele andere Ausdauersportler auf Carboloading, um meine Glykogenspeicher volles Rohr aufzufüllen? Wieviel Nahrung brauche ich überhaupt bei einem Rennen mit mindestens 12 Stunden ... und was nehme ich noch zusätzlich zu den Kohlenhydraten und Mineralien mit? Kriege ich noch einen Termin bei Doktor Fuentes in Sachen Blutdoping? Und brauche ich noch eine spezielle Berg-Übersetzung am Rad?

Bis dahin hatte es mich nie interessiert, wie viele Zähne meine Ritzel haben. Nach dem Ausgoogeln war ich dann schlauer. Vorne hatte ich schon die richtige Kompaktkurbel mit 50 und 34 Zähnen (und keine 3-Blatt "Rentnerkurbel" [wie Sascha :-)]) ... aber hinten musste ich mir noch ein 28er drauf montieren lassen.

Scheiße gelaufen, dass ich am 06. Juli mitten in der harten Phase des Trainings noch einen schweren Unfall mit dem Rad hatte. Den Aufprall auf das Auto habe ich zwar ohne größere Blessuren überlebt ... allerdings war es zu gefährlich, noch mit meinem vertrauten Carver Triathlon-Rad mit der Carbon-Gabel beim Ötzi an den Start zu gehen. Also musste ich mir kurzfristig noch ein neues Rad zulegen ... und habe mich für ein Cannondale Cad10 entschieden. Ich wollte unbedingt wieder ein weißes Rad haben ("white nigga II").

Ich war verdammt aufgeregt, als ich zwei Tage vor dem Rennen in Sölden eincheckte. Unbeschreiblich die Atmosphäre, wenn tausende Radfahrer den kleinen Ort bevölkern. Es war auch sehr beeindruckend, diese vielen durchtrainierten Sportler auf der Messe, der Spaghetti-Party und beim Training zu beobachten. Da wurde ich ab und zu schon ein bisschen nachdenklich und es kam der eine oder andere Zweifel auf, ob ich das wirklich packe.

Die Wettervorhersage war ein einziges Desaster ... noch einen Tag vor dem Rennen haben alle Wetter-Apps, Videotexte und Wettervorhersagen Dauerregen angesagt. Bei meinem Triathlon 2011 hatte ich 6 Stunden Dauerregen ... auf 12 Stunden hatte ich nun wirklich keinen Bock, zumal drei von vier Pässen die 2.000 Meter-Höhe überschreiten.

Trotzdem war ich dann froh, als es dann endlich los ging. Mit sehr großem Respekt (Angst?) bin ich von meinem Hotel zum Start gerollt, vorbei an dem Transparent "Hier beginnt Dein Traum":

Die Zeitvorgaben waren für mein Leistungspotenzial verdammt anspruchsvoll. Ich hatte keine Angst vor dem Besenwagen, sondern vor dem Schlusswagen! Wenn der einen überholt, ist man raus aus dem Rennen und muss die Startnummer und den Chip abgeben. Ich hatte mir das Rennen gedanklich in vier Teilstrecken (die vier Passhöhen) aufgeteilt. Mein Plan war, am Kühtai keine Pause zum Essen einzulegen, um am Ende ein bisschen mehr Puffer zu haben.

Um 06:45 Uhr ging es dann endlich los. Die ersten 32 km bis Ötz habe ich vor lauter Aufregung gar nicht richtig wahrgenommen. Und schneller als erwartet stand ich dann an dem Kreisverkehr vor dem Kühtai-Pass: 19 km Aufstieg mit 1.200 Höhenmetern. Bei meinem Trainingswochenende im Juli bin ich diesen Pass nach sechs Stunden Training gefahren ... und voll abgekackt. Dieses Mal klappte alles hervorragend, auch die 18% Steige kurz vor der Passhöhe.

Oben auf dem Gipfel habe ich planmäßig nur angehalten, um die Regenjacke und die langen Handschuhe anzuziehen. Und schon ging es weiter in Richtung Innsbruck. Bei der Abfahrt hatte ich 70 bis  80 km/h drauf ... unfassbar mit welcher Geschwindigkeit ich dabei noch überholt wurde. Kurz vor Innsbruck habe ich den Tipp von einem erfahrenen Ötztaler befolgt ... und mich an eine Gruppe von etwa 30 Fahrern gehängt. Ein unglaubliches Feeling, mit Tempo 40 auf der geraden Strecke im Windschatten durch Innsbruck zu fahren.

Der Aufstieg zum Brenner Pass ist zwar 39 km lang, allerdings werden dabei nur etwa 780 Höhenmeter bewältigt. In der Gruppe hatten wir bergauf teilweise Tempo 30 drauf ... das hätte ich vorher nie für möglich gehalten. Etwa 5 km vor der Passhöhe habe ich die Gruppe dann ziehen lassen, weil ich Angst hatte, dass mir hinten raus noch die Kräfte ausgehen. Oben auf dem Brenner war ich um 12:05 Uhr, eine halbe Stunde vor der ersten Deadline. An der Labestation habe ich quick und dirty eine Suppe gegessen, meine Flaschen aufgefüllt ... und mir aus Zeitgründen noch drei Käsebrote mit auf den Weg genommen.

Die Abfahrt bis nach Sterzing am Jaufenpass verging wie im Flug, obwohl ich nicht in einer Gruppe gefahren bin. Der 16 km lange Aufstieg zum Jaufenpass mit 1.130 Höhenmetern war für mich persönlich eine Schlüsselstelle. Ich wusste ... wenn ich den packe, dann kriege ich das verschissene Timmelsjoch auch noch hin. So war der jedenfalls Plan.

Die ersten 10 km liefen hervorragend ... hinten raus ertappte ich mich ein paar mal dabei, dass ich an den Kehren schon mehr Höhenmeter erwartet habe, als tatsächlich auf den Schildern drauf stand. Kurz vor der Passhöhe kommen beim Jaufenpass mehrere "dreckige" steile Kehren. Mittlerweile hatte es stärker angefangen zu regnen, es war schweinekalt ... und ich war froh, dass diese Labestation noch vor den Kehren und der Passhöhe lag. Eine heiße Suppe, eine Flasche Isodrink ... dazu zwei Bananen und einen Kuchen in die Hand ... und schon ging es die letzten paar hundert Meter bis zum Gipfel. Dort war ich um 14:32 Uhr, mein Puffer zum Schlusswagen hatte sich durch das Essen auf 8 Minuten reduziert. Die Straßen auf der Abfahrt waren in einem sehr schlechten Zustand, außerdem regnete es wie Sau und ich habe tierisch gefroren ... meine Hände waren so kalt, dass ich große Schwierigkeiten hatte, zu bremsen. Das war für mich die schwierigste Phase im Rennen ... und St. Leonhardt wollte und wollte einfach nicht kommen.

Und dann stand ich doch endlich an der Stelle ... auf die ich mich die ganzen Monate lang emotional vorbereitet habe. Die Auffahrt zum Timmelsjoch. Was ich nicht wusste (ich hatte ja keinen Tacho und keine Uhr) ... es war 15:14 Uhr und die Deadline war 15:15 Uhr ... perfektes Timing. Das Timmelsjoch hat einen 29 km langen Aufstieg mit 1.759 Höhenmetern. Für viele Fahrer ist dieser letzte und schwerste Pass die Hölle. Keine Ahnung warum, aber ich wusste schon auf den ersten Metern, dass ich es packen werde! Obwohl ich schon 180 km in den Beinen hatte ... mit dem festen Glauben, es zu schaffen hat es in dieser Phase sogar richtig Spaß gemacht.

Ein gutes Gefühl, andere Fahrer zu überholen, der MP3-Player lief auf voller Lautstärke und phasenweise kam sogar die Sonne durch. Selbst der sehr starke Wind und die leer gefressene Labestation Schönau hat mich nicht wirklich gestört. Einen Liter Cola (keine light :-) und zwei Käsebrote habe ich noch ergattern könne ... und für alle Fälle hatte ich ja noch ein paar eigene Riegel und Powerbars dabei. Der schönste Moment war dann der, als ich die letzte Kehre kurz vor dem Tunnel nach Österreich geschafft hatte:

In diesem Moment haben sich alle Emotionen in einem einzigen Moment entladen. Die Passhöhe auf 2.507 Meter habe ich um 18:22 Uhr erreicht ... eine Stunde und 8 Minuten vor der Deadline. Ich hatte also viel Zeit gut gemacht. Für die Strecke von St. Leonhardt auf das Timmelsjoch (31,4 km insgesamt, davon 29 km bergauf) habe ich incl. dem Stopp bei der Labestation Schönau insgesamt 03:08 Stunden gebraucht. Für meine Verhältnisse sensationell, denn bei dem Training im Juli habe mit dem Timmelsjoch begonnen und 02:50 Stunden benötigt.

Schade nur, dass oben auf dem Pass das bekannte Transparent "Hier hast Du Deinen Traum" wegen dem Sturm nicht aufgehängt war. An dieser Stelle hatte ich 209 km geschafft. Bis auf einen kleinen 2 km Anstieg zur Mautstelle geht es von hier bis Sölden nur noch bergab. Mir war zwar immer noch schweinekalt ... aber diese 29 km waren eine stille emotionale Triumphfahrt.

Nach 12:18.45 Stunden war ich war ich dann um 19:14 Uhr im Ziel! Unglaublich ... 235 km insgesamt ... 100 km bergauf über vier Pässe mit 5.500 Höhenmetern ... und trotzdem eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 19,329 km/h. Da fällt es sehr schwer, die richtigen Worte für dieses Gefühl im Ziel zu finden. Ich habe 10 Marathons, ein paar Halbmarathons und einen Triathlon beendet ... dieser Wettkampf war der schwerste von allen und dieser Zieleinlauf war etwas ganz Besonderes. Einzigartig .. und irgendwie eine stille innere Genugtuung ... ich hatte etwas geschafft, was am Anfang fast unmöglich erschien.

Auf den Fotos im Fotoalbum kannst Du Dir ein paar Impressionen anschauen.

 Fotoalbum

Oder schaue Dir das Ötzi-Video an. An vier Stellen komme ich vor. Guckst Du:

 Reportage Ötzi 2012

Mein Fazit? Ein unbeschreibliches Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Und letztendlich hat sich wieder einmal einer meiner Lieblingssprüche bewahrheitet: 

„to get something you never had ... you have to do something you never did!"

Die nachfolgende TV-Reportage geht der Frage nach, warum sich jedes Jahr 5.000 Verrückte diese Qual antun :-) Guckst Du:

  Ötzi Reportage Teil 1

  Ötzi Reportage Teil 2